Bordeaux: Rendezvous an der Garonne

Miroir d'eau bei Nacht, Bordeaux, Frankreich

Miroir d’eau bei Nacht, Bordeaux, Frankreich

Was den Hamburgern ihre Kontore, sind den Bordelaisern ihre Weinkeller. Da spürt man einfach: Hier steckt Geschichte, Renommee und vielleicht auch ein Hauch von Selbstzufriedenheit drin. Eigentlich verständlich: denn über Jahrhunderte hinweg bildete die Stadt an der Garonnemündung den größten Hafen Frankreichs und war ihrer ärgsten Konkurrentin Paris dabei stets einen kleinen Schritt voraus. Hinter einem der einheitlichsten und größten Architekturensembels des 18. Jahrhunderts versteckt sich daher noch viel mehr, als nur der „Der Adel des Korkens.“

Paris und Bordeaux im architektonischen Wettstreit

Als „Korkadel“ verunglimpfte der Schriftsteller François Mauriac einst die Macht der alteingesessenen Weinfamilien, die auch heute noch in den prächtigen Palais im Quartier Chartrons residieren. Von hier bis zum einen Kilometer entfernten Bahnhof St-Jean reicht das lückenlose frühklassizistische Gesicht der Weinmetropole. So mancher wähnt sich bei diesem prachtvollen Anblick schon in Paris. Und tatsächlich: die Place de la Bourse erinnert doch irgendwie sehr an die Place de la Concorde – dabei ist sie viel älter als ihre größere Schwester hoch oben an der Seine! Wie kann das sein?

Ab dem 15. Jahrhundert durch den Seehandel reich geworden, ließen sich die Händler und Weindynastien entlang der Garonne ihre repräsentativen Stadtpaläste errichten – natürlich in damals modernster architektonischer Manier. Dabei schuf so mancher Architekt ein Paradebeispiel frühklassizistischer Perfektion. Kein Wunder also, dass die kreativen Köpfe von der Garonne nur wenige Jahre später auch nach Paris beordert wurden, um Plätze, wie die Place de la Concorde, Gebäude, wie die Pariser Opéra Garnier, oder Avenuen, wie die Champs Elysée, zu errichten. Ein Besuch im Grand Théâtre von Bordeaux und ein Spaziergang auf dem Cours de Verdun verdeutlicht: Diese bemerkenswerten Bauensembles standen für die architektonische Verwandtschaft in Paris ganz offensichtlich Pate. Trotz dieser Vorrangstellung verlor Bordeaux jedoch den Wettkampf gegen die Seinemetropole. Der Grund dafür ist in ihrem pochenden Herzen zu finden, dem Hafen von Bordeaux.

Eine Stadt erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Erst seit wenigen Jahren nimmt Bordeaux den Wettstreit mit der großen Schwester im Norden wieder auf und setzt dabei auf urbane Eleganz. Vor der nahtlosen Kulisse frühklassizistischer Pracht scheint dies auch nur allzu richtig. Dabei war das Panorama auf diesen prächtigen Architekturvorhang lange Zeit durch hohe Zäunen, lange Baracken und stumpfe Hangars verbaut. Seit jedoch Alain Juppé das Szepter im Bordelaiser Rathaus in der Hand hält, weht auch entlang der breiten, jahrhundertelang vernachlässigten Quais ein anderer Wind: Da werden Lagerhallen abgerissen und grüne Oasen geschaffen, an die Stelle von rostigen Stacheldrahtbarrieren rücken Promenaden, Bänke und Platanen und die altehrwürdige Place de la Bourse erhält einen ganz besonderen Spiegel, um sich selbst bewundern zu können: den Miroir d’eau. Juppé ist es zu verdanken, dass die Innenstadt von Bordeaux sich in den vergangenen Jahren in Richtung Garonne geöffnet hat und damit urbane Freiräume schafft, die einzigartig in Frankreich sind. Zumindest hat die Stadt mit dem „Spiegel des Wassers“ schon einen ersten Glückstreffer gelandet. Der aus einer lediglich 2 cm dicken Wasserfläche bestehende und von feinstem Sprühnebel umwehte Miroir d’eau ist inzwischen in ganz Frankreich berühmt. Dabei haben die Einheimischen – ganz nach Bordelaiser Art – schon einen passenden Namen für ihre neue Attraktion gefunden: Die schönste Pfütze der Welt. Wer bekommt da nicht Lust auf ein bisschen Pfützenspringen an der Garonne? Ein paar Bordelaiser sind dabei sicher immer mit von der Partie.

Gastautor: Daniela Fehrenbacher