Eselwanderung: Bewusst tierisch unterwegs

Wie ist das eigentlich, wenn man plötzlich auf ein Tier angewiesen ist, um vorwärtszukommen? Zumal auf ein Tier, das auch noch das Attribut „störrisch“ trägt? Diese Frage wollen immer mehr Menschen für sich beantworten, denn das Wandern mit Esel wird immer beliebter. Dabei sind Eselwanderungen eigentlich gar keine moderne Erfindung, denn bereits 1878 unternahm der Engländer Robert Louis Stevenson eine Wanderung mit Esel durch die französischen Cevennen und verarbeitete seine Erlebnisse mit dem Esel Modestine anschließend humorvoll in literarischer Form. Bis heute wollen Menschen genau dasselbe wie Stevenson erleben und begeben sich daher in ganz Europa auf die Wanderung mit Esel.

Entschleunigung total: Naturerlebnis in Zeitlupe

Zugegeben, es hört sich zunächst sehr idyllisch an, wenn die Wanderkarte schattige Waldwege, sonnige Wiesenpfade und kurvenreiche Bachläufe als Wegstrecken bereithält. Doch werden diese in tierischer Begleitung erwandert, dann kann ein Wald plötzlich endlos erscheinen, ein lustig plätschernder Bach wird zur Mutprobe und die Durchquerung einer Wiese kann durchaus zum Zeitlupenerlebnis mutieren. Denn Fakt ist: Der Esel bestimmt die Geschwindigkeit und gepicknickt wird erst dann, wenn auch der Esel Hunger hat. Das nimmt dem termingestressten Wanderer nicht nur Entscheidungen ab, sondern er muss sich nach und nach auch gründlich von der Vorstellung verabschieden, dass er irgendetwas in den kommenden Stunden oder Tagen selbst bestimmen dürfte. Aber warum nicht? Wer sich darauf einlässt, kann nur gewinnen! Und immerhin trägt der Esel das Gepäck.

Voraussetzung: Eselführerschein

So ganz ohne Vorkenntnisse überlässt keine Eselwanderstation die geliebten Vierbeiner dem ungeübten Wanderer. Daher beschnuppern sich Tier und Mensch zuerst beim Fellputzen und Zäumen. Stimmt die Chemie, dann gibt der Eselbesitzer wertvolle Tipps, was der Esel so mag und was eben nicht. Ob das dann tatsächlich auch stimmt, muss anschließend jeder selbst herausfinden. Voraussetzung ist jedoch, das Tier zumindest zum Mitgehen zu bewegen. Gelingt dies, dann dürfte dem gemeinsamen Fußerlebnis grundsätzlich nichts mehr im Wege stehen. Dabei kann dem Packesel immerhin ein Fünftel seines Körpergewichts auferlegt werden. Meist reicht das aus, um neben Proviant und Kleidung auch ein Zelt, Schlafsack und Isomatte zu transportieren.

Vielfalt in Europa: Eseltrekking in In- und Ausland

Das Eseltrekking hat sich seit rund zwei Jahrzehnten nicht nur im Mittelmeerraum etabliert, sondern auch in Deutschland gibt es immer mehr Anbieter. Ob eine Esel-Tour durch die Vulkaneifel, eine Bergwanderung mit Esel durch den Südschwarzwald oder Packesel-Spaziergänge durch den Hegau, die Nachfrage steigt und damit auch die Anzahl der professionellen Reiseveranstalter für Esel-Trekking in Deutschland und ganz Europa. Von der Küstenwanderung in der Bretagne über die Pyrenäenquerung mit Esel bis hin zur Eselwanderung in den Hautes-Alpes – besonders im Mutterland des Eselwanderns scheinen Tier und Mensch kaum Grenzen zu kennen.

Nachklang: Was von der tierischen Trekkingtour bleibt

Wer sich einmal voll und ganz auf die Bedürfnisse und unerklärlichen Ideen des tierischen Begleiters eingelassen hat, der lernt, sich in Geduld zu üben, zu warten, innezuhalten, das Tier nach und nach zu verstehen und irgendwann auch: dabei zu lächeln. Schließlich wächst die Erkenntnis: nicht man selbst ist wichtig, sondern der Esel. Das entschleunigt ganz tief und weckt eine innere Gelassenheit, die noch lange nachhallen wird. Warum also nicht einmal auf Eselwanderung gehen?

Weitere Informationen gibt es zum Beispiel hier: http://eselwandern.de


Gastautor: Daniela Fehrenbacher